Digitale Tools im Change

Wenn Menschen beginnen zu empfinden…

Eigentlich wissen wir es. Ohne Emotionen wäre das Leben langweilig. Vielleicht wäre es schön, wenn es die eine oder andere Emotion nicht gäbe. Aber stellen Sie sich einmal vor, Sie sind wütend über die Qualität der Arbeit eines Kollegen und müssten dies ganz nüchtern, sachlich rückmelden (abgesehen davon, dass wütend dann wiederum ein nicht nachempfindbares Adjektiv wäre). Und erst recht wäre die Vorstellung grausam, wenn wir uns über unsere Erfolge nicht freuen oder darauf stolz sein könnten.

Auf der anderen Seite gibt es die Situationen, in denen wir Emotionen tatsächlich gerne aussperren würden. Das sind diejenigen, wo wir nicht genau wissen, wie andere Menschen reagieren, insbesondere, wenn wir die anderen brauchen. Genau das passiert häufig in Veränderungsprozessen. Wir würden am liebsten nur diejenigen mit auf die Reise nehmen, die sich auf die Veränderung freuen. Abgesehen davon, dass dies vermutlich nicht alles besser machen würde, ist dem meistens nicht so.

Aus verschiedenen wissenschaftlichen Untersuchungen wissen wir, dass Veränderungsprozessen mit dem Erleben unterschiedlicher Emotionen einhergehen kann. Beispielsweise nimmt Kiefer (2005) an, dass Veränderungsprozesse oftmals mit negativen Emotionen assoziiert sind, gleichzeitig gibt es auch Hinweise, das Veränderungsprozesse auch mit positiven Emotionen einhergehen können (Kiefer, 2002; Rousseau & Tijoriwala, 1999). Auf der anderen Seite wissen wir gar nicht so viel, wie Menschen Veränderungsprozesse erleben – zumindest nicht wissenschaftlich fundiert.

Deshalb habe ich mir genau das vorgenommen näher zu untersuchen. Herauszufinden, wie sich Veränderung anfühlt.

Die Bedeutung des Themas sehe ich darin, dass Emotionen einen großen Einfluss auf unser Handeln hat (Bledow, Schmitt, Frese, & Kuhnel, 2011; Ilies & Judge, 2005). Gleichzeitig sind Emotionen kein Zufallsprodukt, sondern werden durch kognitive Bewertungsprozesse beeinflusst. Wie eine Situation bewertet wird (z.B. ob diese mir wichtig ist), hängt stark damit zusammen, welche Emotion ich darauffolgend erleben werde.

In meiner Studie habe ich Menschen begleitet, die Teil einer größeren Transformation waren. Hierzu haben wir die Probanden über knapp sieben Wochen, drei Mal täglich nach ihren Emotionen, der Intensität ihrer Emotionen, den kognitiven Bewertungsprozessen und anderen Variablen gefragt. Uns war es dabei wichtig zu erfahren, was die Personen in der jeweiligen Situation erlebt haben, nicht wie sie sich im Allgemeinen fühlen.

Grundsätzlich scheint es so, dass Menschen – trotz Veränderungsprozess – mehr positive wie negative Emotionen erleben. Das ist zum einen erfreulich, zum anderen aber auch verwunderlich. Verwunderlich dahingehend, dass damit die Frage aufgeworfen wird, wann negative Emotionen im Change Prozess entstehen und welche Rolle sie tatsächlich haben. Eine Vermutung ist, dass es sich eher um einen Gesamteindruck handelt, der oftmals zum Negativen hin verzerrt sein könnte. Allerdings haben wir bei Interviews mit allen Teilnehmern im Nachgang an die Datenerhebung feststellen können, dass es in der Tat kritische Punkte im Veränderungsprozess geben kann, die dazu führen, dass sich Menschen vom Prozess abwenden.

Darüber hinaus zeigen die Daten, dass Menschen, die sich häufiger in Situationen befinden, die direkt mit dem Veränderungsprozess etwas zu tun haben, mehr positive und weniger negative Emotionen erleben. Wichtig anzumerken ist, dass es sich bei der Stichprobe nicht ausschließlich um Verantwortliche für den Prozess handelt. Dieses Ergebnis macht dahingehend Mut, dass wir darauf Einfluss nehmen können. Wir können und vielleicht auch sollten Mitarbeiter stärker in den Veränderungsprozess einbinden.

Meine Studie war nur ein erster Schritt, das Erleben und Verhalten von Menschen in Veränderungsprozessen besser zu verstehen. Aber: Es war ein Schritt. Neben all den, zu Teilen berechtigten Kritikpunkten, die vorgebracht werden könnten, liefern die Ergebnisse aber einen bislang vermutlich eher seltenen Einblick, dass Menschen auch im Verlauf von Veränderungsprozessen sowohl positive als auch negative Emotionen erleben. Wenngleich viele Leute sich jetzt in dem bestätigt sehen, was sie immer gewusst haben, war es bislang nur eine unbestätigte Vermutung. Während wir uns manchmal wünschen, insbesondere negative Emotionen aus Veränderungsprozessen auszusperren, halte ich es für wertvoll und notwendig, mit diesen umzugehen. Denn sie geben uns wichtige Hinweise darauf, wie Menschen Situationen einschätzen.

Experience Sampling

Zunächst waren es Papierfragebögen, die aufwendig verteilt, eingelesen und ausgewertet werden mussten. Dann gab es den Online-Fragebogen, der viele Fehlerquellen minimiert und den Zugang zum Ausfüllen von Fragebögen erleichtert haben. Inzwischen ist noch eine weitere Möglichkeit hinzugekommen, Daten über Fragebögen zu erheben: Experience Sampling.

Die Idee dahinter ist, dass möglichst zum Zeitpunkt des Erlebens oder Verhaltens die Daten gesammelt werden. Insbesondere für Emotionen, deren Erleben häufig kurze Episoden sind, ist dies eine in der Forschung weit verbreitete Methode der Datenerhebung.

In der hier beschriebenen Studie haben wir eine App verwendet, die sowohl auf iOS-, als auch auf Android-Geräten läuft. Der Vorteil einer solchen App besteht darin, dass die Personen eine Benachrichtigung in Form von Vibration oder Ton erhalten, wenn sie einen Fragebogen auszufüllen haben. Zusätzlich gibt es die Möglichkeit das Ausfüllen des Fragebogens zu schieben (z.B. aufgrund eines Meetings) und eine entsprechende Erinnerung zu erhalten. Ein großer Vorteil ist auch, dass sich flexibel Fragebögen oder spontane Abstimmungen realisieren lassen.

Ein Learning aus der Studie ist, dass der Fragebogen möglichst kurz sein sollte, andernfalls ist der Aufwand für die Teilnehmer im stressigen Arbeitsalltag eine zusätzliche Belastung.

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