Selbstorganisation

Holacracy in der Praxis bei Springtest

Schon wieder ein brechend voller Saal. Schon wieder enttäuschte Gesichter in der Warteschlange vor dem Eingang. Und schon wieder hat ein Thema Unternehmer und Angestellte angezogen wie das Licht die Motten: Holokratie – selbstorganisiertes Arbeiten ohne Führung im klassischen Sinn. Und auch ich saß wieder mitten drin in der erwartungsvollen Menge von Weltverbesserern und Unternehmensdemokraten. Wir alle waren der Überzeugung, dass wir vor einem echten Kultur- und Führungswandel stehen. Und wir alle wollten ihn besser verstehen, um ihn besser unterstützen zu können.

Ein paar Mosaiksteinchen brachte dieses Mal Ruben Timmerman mit, Gründer von Springest, einer Plattform für die Vermittlung von Kursen, Weiterbildungen und Seminaren mit Sitz in Amsterdam. 2012 hatte Ruben Holokratie in seiner 20-Köpfe-Mannschaft eingeführt. Niemand ist also mehr der Boss, es gibt nur noch Rollen und damit klar definierte Verantwortungsbereiche, jeder kann alles entscheiden, wenn er sich an Prozesse und Regeln hält. Und was Ruben seitdem gelernt hat, was klappte und was nicht, darum ging es an dem Abend in Berlin.

Seine wichtigsten Erkenntnisse

1) Wir sind alle noch am Anfang, und zwar ganz am Anfang. Niemand kann einem also sagen, wie es genau funktioniert. Und es gibt auch kein Best Practice – jeder muss den Weg selbst finden. Anpassungen gehören zum Prozess dazu: sie dürfen und sollen gemacht werden. „One Size fits all“ gibt es nicht.

2) Jeder ist mit einer gehörigen Portion intrinsischer Motivation ausgestattet. Es geht also gar nicht so sehr darum, diese wiederzufinden, sondern eher, sie nicht zu verlieren.

3) Erwarte nicht, dass alle das System oder Dich, der es einführt, in den Himmel loben. Widerstand wird auch hier kommen, wie bei jedem Veränderungsprozess: „First they ignore you. Then they laugh at you. Then they fight you. And then they are suddenly productive.“

4) Klatsch und Tratsch und die politischen Spielchen hören nicht von heute auf morgen auf, sie können sogar bleiben. Menschen bleiben Menschen.

5) „Read the rules or play and loose.“ Ohne Regeln geht es nicht. Und sie müssen verinnerlicht werden. Dazu muss man nur lesen können.

6) Niemand kann die Zukunft voraussagen. Lass Dich nicht auf solche Vorhersagen ein, weder auf die guten noch auf die schlechten. Bleib flexibel, und pass das System dann an, wenn es notwendig ist. Leute, die vermeintlich wissen, wie es geht, sorgen nur für Frustration, weil die Gegenwart dann ständig an die Voraussage angepasst wird.

7) Holokratie ist KEIN Experiment. Also lass Dich in harten Zeiten nicht unterkriegen und erkläre immer wieder, worin der Sinn liegt. Wie in jedem Veränderungsprozess.

Weg mit den Mythen

1) Es gibt keine Hierarchie. -- Klar gibt es die, nur eben eine natürliche, die sich rund um die Arbeit und deren Herausforderungen bildet.

2) Jeder macht, was er will. -- Nein!

3) Gefühle sind hier nicht erwünscht, Frauen werden es schwer haben. -- Im Gegenteil. Der Mensch steht im Mittelpunkt, mit allen Stärken und Schwächen.

4) Holokratie zerstört unsere schöne Start-Up-Kultur. -- Im Gegenteil. Holokratie macht das sichtbar, das eh vorhanden ist.

Dieser Beitrag wurde zuerst veröffentlicht auf www.einfach-fuehren.com

04. Juli 2017

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