Selbstorganisation

Einfach mal auf Konsens pfeifen

Da saßen wir nun. Ich war der Webmaster. Die Britin neben mir der Finanzler. Und der Kollege aus Polen sollte sich um Marketing kümmern. Ein wenig ratlos waren wir alle. Aber so ist das in Simulationen. Und wir hatten uns für eine ganz besondere entschieden: Wir wollten verstehen, wie ein Team ohne Chef zu Entscheidungen kommen kann – ohne sich die Köpfe einzuschlagen und ohne geheuchelten Konsens.

Natürlich waren wir kein echtes Team, sondern ein fiktives, das sich im Rahmen eines Intensiv-Trainings von HolacracyOne gefunden hatte und das alles rund um „Selbstorganisation“ verstehen wollte. Für einige Tage hatten wir – besser gesagt unsere Rollen – klare Vorgaben bekommen, was zu erreichen war. Es ging natürlich darum, das Geschäft voranzubringen – was aber nur dann funktionieren konnte, wenn in jedem Meeting belastbare Entscheidungen gefällt werden konnten. Und das ohne Chef!

Fazit vorab: Es hat funktioniert! Und das hat dabei geholfen:

1. Meetings für das Grobe und Meetings für das Feine

Wenn wir gemeetet haben, dann wussten wir im Vorfeld, ob es sich um reines Tagesgeschäft handelte („Kannst Du bitte bis übermorgen die Slides fertigmachen?“) – oder ob es um allgemeine Spielregeln für die Zusammenarbeit ging („Marketing soll Sales täglich informieren“). Diese Unterscheidung in das Grobe und das Feine war enorm wichtig, damit wir nicht aneinander vorbeiredeten.

2. Rollen statt Titeln

Wir hatten keine Titel bzw. Jobs. Wir hatten Rollen. Der Unterschied? Titel wie „HR Manager“ oder „Marketing Director“ kleben oft an Menschen wie Federn an Honig, und sind irgendwann nicht mehr abzukriegen. Rollen hingegen sind flexibel, da ihre jeweiligen Verantwortlichkeiten stets hinterfragt und angepasst werden können. Von Jedem, der dazu einen Vorschlag einbringt.

3. Jeder darf entscheiden

Und genau darum geht es: Jeder, ausnahmslos jeder, darf einen Vorschlag machen bzw. Entscheidungen treffen, sollte das relevant für seine Rolle sein. Warum? Weil jedem Einzelnen zugetraut wird, Verantwortung für sein Tun zu übernehmen. Richtig, Jedem!

4. Kein Pseudo-Konsens

Die wichtigste Grundregel für die Entscheidungsfindung: Kein Konsens! Denn wie wahrscheinlich ist es, dass zehn Menschen einer Meinung sind? Eben! Die Lösung: Ein Vorschlag darf dann umgesetzt werden, so lange er keinen Schaden anrichtet bzw. das Team nicht zurückwirft. Und eben auch dann, wenn nach einem Vorschlag noch Zweifel im Raum sind. Dann spricht man übrigens von einem Konsent. Wunderbarer Nebeneffekt: Keine Hin-und-Her-Diskussionen mehr! Einfach machen lassen!

5. Meinung und Einwand sind zwei Paar Stiefel

Eine enorm wichtige Spielregel für Konsent: Meinungen zu einem Vorschlag werden ganz klar von Einwänden getrennt. Ich konnte einen Vorschlag also ganz offiziell als unbrauchbar abstempeln und dazu meine Meinung minutenlang lautstark kundtun. Das hieß aber noch lange nicht, dass ich einen echten Einwand hatte, dass ich also Argumente besaß, die belegten, dass der Vorschlag Schaden anrichten würde. Und ohne echten Einwand konnte ein Vorschlag schnurstracks die Ziellinie passieren.

6. Klare Meeting-Struktur

Das Ganze hat aber auch nur dann funktioniert, wenn wir uns an die vorgegebenen Meetingstruktur gehalten haben: Erst Agenda basteln. Dann ersten Vorschlag anhören. Dann Fragen klären. Dann Meinungen sagen. Dann Vorschlag ggf. anpassen lassen. Dann Einwände kundtun. Dann Einwandsbehandlung starten. Dann Vorschlag beschließen. Dann mit dem nächsten Vorschlag weitermachen.
Nee, nach Spaß klingt das nicht. Aber nach maximaler Effizienz.

7. Strenger Moderator
Wir wären vermutlich zu keiner einzigen Entscheidung gekommen, hätten wir nicht stets einen Moderator gehabt, der höllisch auf die Einhaltung der Spielregeln geachtet hätte. Anstrengend, und man fühlt sich nicht selten gehörig auf den Schlips getreten – aber absolut notwendig, gerade wenn kein Chef anwesend ist, der auf den Tisch hauen kann.

8. Leidensfähigkeit
Selbstorganisiertes Arbeiten klingt wunderbar frei und fröhlich und nach ganz viel 68er Kultur. Aber es ist enorm anstrengend, und Teams bzw. Organisationen, die sich darauf einlassen möchten, müssen einen gewissen Reifegrad mitbringen – und auch gerade für den Beginn eine Portion Leidensfähigkeit bzw. Durchhaltevermögen. Doch es ist tatsächlich wie beim Sport: Es wird von mal zu mal besser – und die Ergebnisse lassen nicht lange auf sich warten!

Und noch ein Fazit: So ein selbstorganisiertes Meeting klappt auch im echten Leben und kann jedes Team einen gehörigen Schritt nach vorne bringen. So lange der Chef für kurze oder längere Zeit bereit ist, das Zepter abzugeben.

Dieser Beitrag wurde zuerst veröffentlicht auf www.einfach-fuehren.com

27. Juni 2017

Zurück
nach oben